“Do you want to work for Bollywood, today?”
Ich bin schon einen halben Schritt an dem Mann vorbei, den ich gerade, wie die Verkaeufer, die mich von allen Seiten anquatschen, ignoriert habe, als seine Worte durch meine mentalen Ohrenstoepsel hindurchdringen und mein Gehirn ihnen Sinn zuordnet.
Genau deswegen laufe ich doch schliesslich iher den ganzen Tag die Strasse hier auf und ab. Die Antwort ist: “Yes!”.
Eine halbe Stunde spaeter warte ich mit einem Rudel von 20 weissen Touristen auf den Bus, der uns auf das Filmgelaende fahren wird. Es geht das Geruecht um, wir waeren Raver, auf einer Party irgendwo in Europa oder Ammiland. Klingt lustig, stellt sich aber als Fehlinformation heraus.
Auf dem Filmgelaende angekommen, werden wir Kerle in weisse Kurtas und Pajamas (traditionelle Kleidung) gesteckt und jedem wird noch ein rotes Tuch ausgehaendigt, mit dem wir improvisieren duerfen. Jetzt heisst es, wir waeren Touristen, die einem ‘Puja’ (rituelles Zeremoniell), dem ‘Aarti’ (Abendgebet) beiwohnen. Ob es wirklich nur das ist, was wir darstellen, daran wage ich spaeter noch zu zweifeln.
Erste Szene:
Der Priester steht im Tempel, eine sehr ueberzeugende Kulisse. Er steht mit dem Ruecken einer Zuschauermenge von ca. 150 Indern zugewandt, die mit ihren roten Tuechern alle gleich aussehen. Die Kamera filmt ihn von vorne, wie er einen brennenden Kerzenhalter nach festem Ritual vor sich kreisen laesst.
Zweite Szene:
Der Priester kommt aus dem Tempel und wendet sich der Menge zu. Auffaellig ist, dass wir Weissen noch vor der Gruppe der Inder stehen, in der nur vereinzelt ein paar Westler stehen. Wir sollen laecherlich improvisiert tanzen und mit unseren Armen winken. Ich stehe ganz vorne in der Mitte und denke bis zum Schluss, wir wuerden nur Proben. Wahrscheinlich die Szene, in der ich noch am ehesten zu sehen sein koennte.
Szene drei:
Ich sitze nun in der Menge der Inder, bewaffnet mit zerupften Blueten. Der Priester kommt durch die Menge gelaufen, gefolgt nur von einer Schaar weisser (!). Spaetestens hier meldet sich ein kleiner Zweifel bei mir, dass wir nur normale Touristen sein sollen.
Die hampelnde Menge Weisser sieht mir persoenlich eher nach einer Schaar fanatischer Sektenanhaenger aus.
Szenen vier und fuenf:
Wir stehen zunaechst in drei Reihen links, dann rechts vom Priester und jubeln ihm zu, wie er an uns vorbeischreitet. Ich leihe mir einen Dreizack von einem indischen Statisten aus. Damit laesst es sich prima jubeln und Unfug treiben. Ich denke fieberhaft darueber nach, wie ich heimlich und unbemerkt Botschaften in den Film einfliessen lassen kann. Mir faellt nichts ein.
Es sit bereits zwoelf Uhr nachts und wir bekommen erstmal eine Drehpause mit Abendessen. Immerhin haben wir jetzt schon drei Stunden lang gesessen, gekniet und gejubelt.
Gestaerkt geht es weiter. Diesmal darf unsere Gruppe Westler neben dem Tempel nach herzenslust hampeln und strampeln. Ganz vorne zwei blonde Russinen mit Filmmakeup, die wohl genauso wie ein weiterer Russe eine etwas groessere Rolle haben und nciht nur heute und in dieser Szene zu sehen sein werden. Die sehen alle aus, wie die geborenen Filmschurken und die Frauen, mit ihren wasserstoffblonden Haaren hampeln wie besessen, so dass ich in jedem ‘take’ ein paar Schritte zurueckweichen muss, um nicht Gefahr zu laufen von einem fehlgeleiteten Kopfschwung die Schneidezaehne ausgeschlagen zu bekommen.
Klar! Jetzt erinnere ich mich wieder: wir sind weiss und muessen ja die Boesen sein. Mein Verdacht erhaertet sich.
In diesen letzten Szenen sind wir weit genug von der Kamera entfernt, dass ich mich traue den ‘Macarena’ zu tanzen. Meine Glaubensgefaehrten kann ich dazu jedoch nicht motivieren.
Letzte Szene:
Ein grosser Haufen von hauptsaechlich Weissen tanzt wie von der Terantel gestochen wild durcheinander. Die russischen Nutten natuerlich wieder ganz zu Vorderst. Auch hier besteht die Moeglichkeit, dass ich im fertigen Film zu sehen bin, da ich es in einigen ‘takes’ schaffe, direkt hinter den Russinen zu stehen. Total geschickt, wa’?
Alles in allem hatten wir viel Spass und teilweise kam Stimmung auf, wie auf Klassenfahrt. Raaz II (zu deutsch:”Geheimnis”) – so der Name des Films – ist definitiv der beste Film aller Zeiten und wird sich mit Sicherheit bei Bewerbungsgespraechen bei namenhaften Anwaltskanzleien, und in meinem Lebenslauf als das entscheidende ‘mehr’ gegen meine konkurrierende Bewerber beweisen. YESSS! Und dazu noch die 500 RS, die ich fuer die fast sechs Stunden am Set bekommen habe. Mit 100 RS weniger, als die indischen Statisten immer noch der schlechtest bezahlte Job, den ich je hatte, aber wenn man seine Ausgaben minimiert, kann man am Ende des Tages immer noch mit einem Plus davon kommen.
Meine indischen Freunde sind ja so neidisch
Raaz Teil eins war, nach Angaben meiner Freunde, ein Bollywood Thriller/Horrorfilm. Daher sind sie einigermassen verwundert, dass wir eine Tempelszene gedreht haben. Aber die Grundstimmung der ganzen Szenen war ja auch eher duester und zumindest mal geheimnisvoll.
Du bringst uns den Film doch hoffentlich auf DVD mit, wenn er irgendwann mal geschnitten sein sollte, oder?