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Zurück in meiner Suite mit den dutzenden Betten und Badezimmern, die ich alleine benutze. Wahrscheinlich das billigste und gleichzeitig größte Zimmer in Kodaikanal. Morgen muss ich leider ausziehen, weil die Schlaafsäle dann belegt sind. Von einer Schulklasse vielleicht? Ich genieße es umso mehr wieder hier zu sein, als ich noch bis vor wenig mehr als einer halben Stunde im letzten Licht des Tages durch den Wald hastete, nur in der Hoffnung vor Einbruch der Nacht noch eine Spur von Zivilisation zu finden. Eine Straße. Gott führe mich zu einer Straße!
Begonnen hatte der Tag wesentlich friedlicher. Relativ spät stehe ich auf und werfe einen Blick aus dem Fenster. Das ist ziemlich direkt am Hang gebaut zeigt in Richtung Tal. Vor mir erstreckt sich eine fantastische Wolkenlandschaft, aus der vereinzelt ein paar Bergspitzen herausgucken. Ich habe über den Wolken geschlafen! Ich erinnere mich an die Hitze der letzten Tage, unten in der Ebene und genieße die Ruhe und die Frische dieses Morgens. Auch wenn ich zugeben muss, dass ich in der Nacht ganz gut gefroren habe. Trotz drei Lagen Decken, die ich mir von den leeren Betten meines Schlafsaales ausgeliehen hatte. Aber irgendwie habe ich das Gefühl, dass ich damit besser umgehen kann, als mit der schwülen Hitze, die sonst überall herscht.
Den Morgen verbringe ich mit Spazierengehen durch den Ort. Es gibt ein paar ganz hübsche Kirchen einen Park und einen Spazierweg, die ich mir genauer ansehe. Außerdem verbringe ich noch eine ganze Weile damit über den Preis für einen Fliespulli zu feilschen, den ich heute Abend ganz dringend brauchen werde. Ganz zu schweigen vom Himalaya. Da möchte ich ganz zum Abschluss im Juni noch einmal hin. Vielleicht fahre ich dann mit Chanakya (Freund aus Delhi; spricht auch Deutsch) nach Leh.
Zum Mittagessen treffe ich ein paar Leute, die auch in meinem Gasthaus (Greenland Youth Hostel) wohnen. Die sind heute schon fünf Stunden gewandert und geben mir den Tipp, die eineinhalbstündige Wanderung zu ein paar Wasserfällen zu machen. Klingt gut. Gegen drei mache ich mich auf den Weg. Wie schon damals mit Marieke in Dharamsala sehe ich hier wieder, dass man mit ein wenig Fantasie überall einen Wanderweg sehen kann, so dass es nicht ganz einfach ist auf dem Pfad zu bleiben. Doch meine Erfahrung von damals hilft mir und ich komme ohne größere Komplikationen an den Wasserfällen an. Wirklich schön dort. Mal ganz zu schweigen von der Aussicht während der Wanderung – auch wenn es wegen der ganzen Wolken etwas neblig war und man sich teilweise ganz schön durchs Gebüsch schlagen musste.
Indische Wanderwege sind nicht zu vergleichen mit dem was man aus Deutschland gewohnt ist. Hier macht sich niemand die mühe Markierungen anzubringen oder gar einen Pfad anzulegen. Dort wo der Farn mehr zertrampelt ist, als woanders ist der Weg. Daher weiß man manchmal einfach nicht mehr, ob man schon vom Weg abgekommen ist oder nicht. Tatsächlich finde ich auf anhieb auch nicht mehr den Einstieg in den Wald, als ich von den Wasserfällen wieder zurückkehren möchte. Ich muss die Landschaft mit meinen Fotos abgleichen. Ich schätze, dass ich nicht mehr allzulange Zeit habe, bevor die Sonne untergeht und beeile mich, wieder zurückzukommen. Das geht soweit ganz gut. Als ich aber plötzlich an einem Zaun ankomme und das Dickicht praktisch unpassierbar wird, weiß ich, dass das nicht der Weg ist, auf dem ich kam. Shit! Ich klettere über den Zaun und finde bald wieder einen Pfad. Die Richtung muss ja ungefähr stimmen. Jetzt bloß so schnell wie möglich ein Haus oder eine Straße finden.
Irgendwann finde ich einen Waldweg, der offensichtlich ab und zu befahren wird. Das ist gut! Den jetzt bloß nicht mehr verlassen. Der muss ja irgendwo wieder in die Zivilisation führen. Noch eine geschätzte halbe Stunde bis zur Dunkelheit. Danach wird es kritisch! Ich renne den Weg entlang, wie ein Hund hechelnd und trotz der kühlen Temperaturen schwitzend wie ein Schwein. Da ist eine Stelle, an der ich an einer Gruppe riesiger Büffel mit enormen Hörnern vorbei muss. Von denen geht normaler Weise eine höhere Gefahr aus, als von Giftschlangen, da sie aufgrund ihrer Größe kaum Angst vor Menschen haben und groß und schwer und gehörnt sind. Ich schleiche mich also ganz langsam und vorsichtig vorbei und renne umso schneller, als ich außer Sichtweite bin – ich muss Zeit aufholen. Dann die Erleichterung: Da links oben sind Häuser! Ich bin gerettet. Geschätzte zwanzig Minuten bis zur Dunkelheit. Der befestigte Weg endet unverhofft im Nichts. Sollte ich es nicht mehr rechtzeitig nach oben schaffen, besteht aber wenigstens die Chance um Hilfe zu rufen. Mit aller Kraft und mit Hilfe meiner zwei Wanderstöcke kämpfe ich mich senkrecht den Berg hoch. Die Häuser müssen an einer Straße liegen. An einer Straße lässt es sich leicht laufen. Sollte ich allzuweit von meinem Gasthaus entfernt sein, habe ich genug Geld bei mir um praktisch jeden zu überzeugen mich mit dem Auto mitzunehmen. Doch noch bin ich nicht gerettet. Der Hang ist enorm Steil und es ist nicht leicht mit dem schweren Rucksack die Balance zu halten. Da ich meinen Schlafsaal nicht abschließen kann, muss ich meinen Laptop mit mir herumtragen. Und die Häuser haben allesamt einen hohen Zaun, den ich kaum erklettern könnte, wenn ich es versuchte, ich muss mich also durch dichtes Gebüsch, über Müll kämpfen in der Hoffnung in den letzten zehn Minuten Licht noch irgendwo eine erkletterbare Stelle zur Straße zu finden. Ich schlittere, es stinkt, das Gebüsch ist dicht und immer wieder komme ich an einem anderen Zaun heraus. Aber in den Häusern sind ja Menschen. Die werden mir helfen, wenn ich es allein nicht schaffe.
Ich finde aber noch eine Stelle, an der ich mich aus dem Gebüsch auf einen Weg ziehen kann. Ich bin auf dem Gelände eines Gasthauses angekommen. Eine Straße! Zivilisation! Wie gut das tut! Schon auf einigermaßen ebenen Gelände ohne Stolperfallen und Hindernisse war es schwer genug vorwärts zu kommen und seinen Weg zu finden, wie ich mich an mein Abenteuer in der Wüste in Jaisalmer erinnere. An diesem Steilen Hang aber, mit allem Gebüsch und Müll, hätte es unter Umständen Gefährlich werden können. Ich laufe die Straße entlang und erkenne die Kirche wieder, die ich heute morgen besichtigt hatte. Welch Erleichterung! Ich bin nicht allzuweit von meinem Gasthaus entfernt. Auf der Straße zu laufen ist etwas für Alte und Kinder, für einen Survivalexperten wie mich einfach nur lächerlich. Ich hüpfe mehrmals vor Freude, auch aus diesem Abenteuer wieder heil herausgekommen zu sein. Es stärkt ungemein, mit seinen größten Ängsten konfrontiert zu werden und sie aus eigener Kraft zu besiegen. Für einige Leser mag es lächerlich klingen, was ich hier schreibe, für mich war diese Wanderung (letztenendes hat es mich ja doch auch vier Stunden gekostet) aber eine körperliche Herausforderung, die nichts im Vergleich zur mentalen Belastung war. Und in einem Wald – fern des Weges – verloren zu gehen, in einem Land wie Indien, in einer Gegend, in der es Nachts zu kalt ist, um draußen zu schlafen, ganz abgesehen von all den Tieren, die sich da herumtreiben, ich möchte wissen, wer bei dem Gedanken ruhig bleiben kann.
Im Rückblick muss ich sagen, war ich gar nicht so beunruhigt, wie ich mir einredete.
Dadurch, dass ich weite Strecken auf dem befahrbaren Weg rannte hatte ich mir genug Zeit erarbeitet, um noch einen Zeitpuffer zu haben, bis zum Sonnenuntergang.
Auf diese Art von Abenteuer kann ich aber um ehrlich zu sein auch verzichten. Die nächste Wanderung mache ich entweder mit Führer oder beginne sie zumindest zehn Stunden vor Sonnenuntergang.
Ich habe heute Abend übrigens tatsächlich zum ersten mal Chips bekommen, als ich ‘Fish and Chips’ bestellte. Die Kellner waren schon bei der Bestellung unglaublich inkompetent. Der erste, den ich ansprach, holte einen zweiten – beide schienen meine Bestellung zu diskutieren – und der holte dann einen dritten, mit Stift und Block. Der Versuch dem Kellner, der mir das Essen dann brachte, das Konzept von ‘Fish and Chips’ zu erklären scheiterte kläglich. Er verstand ich wolle ein Portion Pommes Frites bestellen und erklärte mir, die Küche hätte bereits geschlossen. Das hielt ihn aber nicht davon ab, später noch einmal zu kommen und mich zu fragen, ob es noch etwas sein dürfe. Der Manager war auch nicht zu sprechen. Ich fands irgendwie einfach nur lustig. Ich nehme mittlerweile alles ein wenig lockerer. Bei meiner letzten Reise im Oktober, hätte ich bestimmt noch zuviel bekommen, bei so einer Behandlung.