Trichy und der Weg nach Kodaikanal
16. April 2008 von Paul
[Bilder aus Trichy]
Den Morgen in Tiruchirappalli (Trichy) verbracht. Tempel angucken. Muss ja einfach sein in dem Südindien, dass angeblich vor Tempeln nur so überquillt. Es gibt da den Rock-Fort-Tempel (wieso bekomme ich bloß hunger, wenn ich den Namen höre?) und den Sri-Ranganathaswamy-Tempel. Erster ist in und auf einem riesigen Felsen gebaut. Auch ohne die angeblich 437 Stufen komme ich zur Zeit schon ganz schön ins Schwitzen und dann lässt man mich als ungläubigen nicht einmal herein. Wirklich erstaunt war ich allerdings nur von dem Kuhstall, den ich entdeckte, als ich von den Stufen rechts abbog. In den Fels gehauener Kuhstall. Und dann kam tatsächlich auch noch ein Gläubiger, der niederkniete und die Türschwelle zum Stall mit dem Kopf berührte. Dabei fiel mir auf, dass ich bisher Anbetung von Kühen tatsächlich noch nicht direkt gesehen habe in meinen zehn Monaten hier. Respekt – ja; Nicht-Essen – ja; Anbeten – Nein.
Auf dem Weg zum nächsten Tempel, erkundige ich mich bei einem Kiosk an der Straße welchen Bus ich denn nehmen müsse und unterhalte mich kurz mit zwei älteren Herren. Der eine meint, er habe mich soeben im Tempel gesehen und erklärt mir, dass ich nächstes Jahr heiraten werde. Woher er das weiß, habe ich ihn nicht gefragt. Erstaunlich eigentlich: er hat noch nichtmal meine Handflächen gesehen, um zu dem Ergebnis zu kommen. Was solls. Ich freu mich! Interessentinnen vor! Wir wollen den armen Mann doch nicht enttäuschen.
Aber zurück zur virtuellen Stadtführung. Der Sri-Raganathaswamy-Tempel ist ebenso wenig ein Tempel, wie der bereits beschriebene Rock-Fort-Tempel, sondern ein Tempelkomplex, aus vielen einzelnen Tempeln. Die sind in einer Reihe als Tore aufgestellt und leuchten einen – typisch indisch – übertrieben bunt an. Es ist schon interessant, die Pilger ein wenig zu beobachten. Viele – Erwachsene, wie Kinder – haben den Schädel rasiert. Das Haar, wie mir von meinem Führer erklärt wird, ist eine Opfergabe für die Götter. Dabei lässt sich der Anlass nicht äußerlich feststellen. So viele Gründe es gibt, die Götter anzurufen oder den Göttern zu danken, so viele Gründe gibt es auch sich die Haare scheren zu lassen. Das Zentrum des Komplexes darf nicht mit Schuhen betreten werden und meine verwöhnten Füße müssen auf den heißen Steinen und dem glühenden Sand ziemlich leiden. Mein Führer ist nicht sonderlich hilfreich und erklärt die Passagen seiner Ausführungen, die ich ihn näher zu erläutern bitte, mit den exakt selben Worten erneut.
Es ist noch vor ein Uhr Mittags, als ich mit meinen Sehenswürdigkeiten fertig bin und ich beschließe mich auf den Weg nach Kodaikanal zu machen. Eine angeblich idyllische Hillstation. Was zum Henker ist denn eigentlich eine Hillstation? Es gibt nur einen direkten Bus, und der fährt um 3 Uhr nachts. Aber angeblich gibt es alle fünf bis zehn Minuten einen Bus nach Dindigul von woaus dauernd Busse nach Kodaikanal fahren. Mit dem ersten Bus hat alles seine Richtigkeit. In Dindigul muss ich mir allerdings sagen lassen, dass es überhaupt keine direkten Busse nach Kodaikanal gibt. Ich müsse zu einem dritten Ort. Auch den Bus zu diesem Ort besteige ich ohne eine Minute Wartezeit, aber die Sonne nähert sich schon dem Horizont und ich würde schon ganz gerne zumindest in meinem letzten Bus sitzen, bevor es ganz dunkel ist.
In dem misteriösen dritten Ort frage ich so ziemlich jeden Busführer zweimal, ob er nach Kodaikanal führe, bis eine alte, zahnlose Frau auf mich aufmerksam wird und mich anweist, neben ihr zu warten, sie hätte das gleiche Ziel und der Bus würde noch kommen. Das alles geht fast wortlos. Immer wieder erstaunlich.
Ich erinnere mich an die Erzählung von Marije, die ich Mamallapuram und Pondicherry getroffen hatte, und die meinte in Kodaikanal sei es tatsächlich kalt. Man bräuchte einen Pullover. Schamlos, wie ich bin wechsle ich also in der Öffentlichkeit des Busbahnhofes von kurzer Hose und Flip-Flops zu Jeans und Turnschuhen. Pullover habe ich nicht dabei, ich werde an den Armen also frieren müssen. Als ich mit der Prozedur fertig bin – Jeans, Schuhe und Socken waren auf dem Grund meines Reiserucksackes – und schon meine Gitarre stimme, um die bettelnden Kindern um mich herum ein wenig zu unterhalten (wenn ich ihnen schon nichts gebe, außer meinen Bananen) kommt die zahnlose Alte von irgendwo auf mich zu und meint, es würde heute kein Bus mehr fahren. Ob ich ein Taxi nehmen wolle. Scheibenkleister! Warum war das eigentlich von Anfang an klar? Ich nehme an, dass sie ein Taxi teilen will und lasse mich erstmal zum Wagen führen um mir die Sache mal aus der Nähe anzugucken. Das Taxi ist in wirklichkeit ein kleiner Bus. Spitze! Das ist ja sogar noch besser als ein großer Bus! Ich bin der alten Frau ewig dankbar und nehme Platz. Die Landschaft ist atemberaubend schön. Die bewaldeten Berge kommen immer näher, die Sonne verschwindet langsam hinter ihnen und färbt den Himmel rot. Die Palmen und Bananenstauden in der Ebene hüllen sich langsam in ein sanftes Zwielicht und dann in Dunkelheit. Es wird angenehm kühl. Fast sieben Stunden nach meiner Abfahrt aus Trichy komme ich im stockdunklen Kodaikanal an und bekomme ein Bett in einem Schlafsaal der Jugendherberge. Das macht mich zum einzigen Bewohner dieses Schlafsaals, dem noch zwei weitere angegliedert sind, die ebenfalls leer stehen. Die Jugendherberge sieht aus, wie Jugendherbergen aussehen sollten. Ein einfacher, robuster Teppich, hölzerne Doppelbetten, dunkle, schwere hölzerne Türen. Sogar eine Feuerstelle hat mein Zimmer. Mal sehen wie lange ich hier bleibe. Man sagte mir ich könne das Bett höchstens zwei Nächte haben. Ist auch ein wenig spooky hier, so ganz alleine. Gruß nach Leipzig an den Kommilitonen Martin Hofmann, dem ich diesen Ausdruck zu verdanken habe. Passt hier optimal, finde ich. Ich hoffe, ich komme morgen früh genug aus den Federn um den Sonnenaufgang zu sehen. Derweil freue ich mich einfach, dass es hier schön kalt ist und hole mir eine Erkältung. Als wäre die ganze Welt auf einmal klimatisiert.