Meine Bemühungen um eine EGPRS-Internetverbindung, haben mich heute die indische Kundenfreundlichkeit derart zu spüren kommen lassen, dass es einen eigenen Beitrag wert ist.
Nachdem ich den Vormittag beim Arzt verbracht habe und am Nachmittag nicht Volleyball gespielt habe hat mich, auf mein Bitten hin, mein Freund Ravi zu Reliance, einem Internetanbieter, gebracht.
Die Filiale, in einem eher schäbigeren Teil der Stadt gelegen, ist eher ausladend, spartanisch eingerichtet. Teilweise ist die Decke nicht hoch genug, um gerade stehen zu können. Die wenigen Broschüren, die der Telefon- und Internetanbieter zu Verfügung stellt sind lieblos und unordentlich in der Gegend verteilt. Sollten bisher noch Übereinstimmungen zu deutschen Anbietern bestanden haben (ich wüsste da allerdings kein Beispiel), kommt jetzt der Faktor Kundenbetreuung ins Spiel.
Statt auf meinen Wunsch einzugehen und mir eine Broschüre für die „Data-Card Internet Connection“ zu geben werden wir auf einige Stühle verwiesen. Nach einigen Minuten kommt ein Angestellter, dem ich mein Anliegen erkläre. Er wittert die Gefahr sofort in Arbeit verwickelt werden zu können und überlegt, wie er uns schnell wieder los wird.
Ich bräuchte einen Nachweis über meinen permanenten Aufenthaltsort in Kolkata. Nichts leichter als das, denke ich mir und gebe ihm eine Kopie des Bona-Fide-Zertifikates meiner Uni.
Dieses liest sich übersetzt und zusammengefasst ungefähr so:
Briefkopf mit Adresse
Wen’s interessiert
Hiermit bestätigen wir, das Paul Zacheus bei uns studiert und im Men’s Hostel wohnt.
Unterschrift
Schwierige Angelegenheit. Wie werde ich nun den lästigen Kunden los? Da hilft nur eins: den nächsten Kollegen anhauen. Der ist einfallsreich und spitzfindig und erklärt uns, dass der Text des Zertifikates die Adresse des Hostels nocheinmal ausdrücklich nennen muss. Wir erwiedern daraufhin, dass das Hostel auf dem Campus liegt und daher die Adresse der Universität im Briefkopf ausreichend sein muss. Das kann er auch mit Leichtigkeit mittels Telefon oder Internet nachprüfen. Dem können die beiden Kundenberater erstmal nichts mehr entgegensetzen weshalb wieder auf den Standardplan zurückgegriffen wird: Beide ziehen mit meinem Zertifikat davon, unter dem Vorwand mit ihrem Vorgesetzten sprechen zu müssen. Nach einigen Minuten kommt einer der beiden wieder. Auch diesmal kann er uns nicht überzeugen oder abwimmeln. Ich erlaube mir die Bemerkung, dass nicht ich derjenige bin, der unbedingt und sofort Kunde werden muss, sondern nur auf Empfehlung eines Kommilitonen Reliance in Erwägung ziehen wolle. Beide Parteien ziehen sich wieder in ihre Ecken zurück und warten auf die nächste Runde. Bisher, denke ich, liegen wir nach Punkten vorne. Da kommen plötzlich unsere beiden Kontrahenten mit siegessicherem Lächeln auf uns zu. Ob ich ein Bankkonto in Kolkata hätte. Knock out! Geschwächt von den vorangegangenen Runden und in der Gewissheit, dass der Gegner keine scheu davor hat beliebig oft unter die Gürtellinie zu schlagen, werfen wir das Handtuch. Nein, ein Bankkonto in Kolkata hat keiner von uns beiden.
Wir bitten erneut um Broschüren und erhalten einen schlechten Computerausdruck. ‘Nein, gedruckte Broschüren haben wir nicht.’
Auf dem Rückweg schauen wir in einem Laden noch Computerlautsprecher an, zu denen ich nach einigem nachhaken sogar außer dem Preis noch technische Spezifikationen bekomme (man hält mir die Originalverpackung unter die Nase). Eine 2.1 Soundanlage von Creative Labs für unter 50 Euro klingt erstmal nicht schlecht. Mal sehen, was sich sonst noch so findet.
Auf dem Weg durch den Smog, Richtung Autorikshaw überkommt Ravi dann doch noch der Hunger und wir beschließen in einem Lokal zu Essen. Ich entscheide mich für ein Stück Schokoladentorte, während Ravi die scharfe indische Küche bevorzugt. Wir ordern das Essen in einem Vorraum zum Speisesaal. Als wir uns dann in selbigen begeben wollen, werden wir darauf aufmerksam gemacht, dass das Essen anders besteuert würde, wenn wir vor Ort essen wollten. Wir hätten uns also drinnen hinsetzen sollen und aus dieser Steuerblase heraus bestellen müssen. Nachträglich mehr bezahlen ginge auch nicht. Wir setzen uns also vor das Lokal, ich meinen Kuchen verspeisend, Ravi auf sein Essen wartend. Dies alles bleibt uns unerklärlich und wir behaupten beide, dass wir normalerweise wie Könige behandelt würden. Der Wandel in Punkto Kundenfreundlichkeit liegt also an der Anwesenheit des jeweils anderen.
Dieser Tag hat mir wieder einmal gezeigt, dass die angebliche Service-Wüste Deutschland gar nicht so schlimm ist. Zumindest geht es noch schlimmer. Wirklich bemerkenswert, wie oft ich darum bitten muss, dass fremde Leute mein Geld annehmen. Oder sind das vielleicht alles nur Scheinfirmen? Geldwäsche? Zwangsprostitution?
Wenigstens der Autorikshaw-Fahrer schickt uns nicht weg. Wenn er uns auch – wie üblich – durch seinen Fahrstil fast ins Nirvana befoerdert