Nachdem ich gestern ein paar aufmunternde Worte von meinen Kommilitonen bekommen habe, habe ich das Projekt FRO wieder aufgenommen.
Nachdem ich erstmal, wie jeden Mittwoch, das Frühstück verschlafen habe machte ich mich mit dem ersten Taxi, das mir über den Weg fuhr, in Richtung Innenstadt auf den Weg. Der freundliche Onkel im FRO hatte mir ja aufgeschrieben, dass ich mich im Erdgeschoss des „Writer’s Bildings“ melden solle. Nach einem kleinen, aber unnötigen Umweg hielt der Taxifahrer vor einem Gebäude an, das natürlich nicht das gewünschte Ziel aber immerhin schon ziemlich nah dran war. Zehn Minuten später und zahlreiche interessante Eindrücke reicher [Video Krebse] sah ich dann das alte rote Gebäude mit der Aufschrift „Writer’s Buildings“. Komisch. Plural.
Beim Betreten wurde ich dann gleich von einem Polizisten aufgehalten, der mir erklärte dass es sich hier um „restricted area“ handle und ich mir erst bei einem Seiteneingang eine Genehmigung für das Betreten holen müsse. Es folgte ein sportlicher Wettstreit, in dem es darum ging möglichst schnell durch die diversen (deaktivierten) Metalldetektoren zu kommen, sich an die Spitze der drängelnden Menschenmassen zu kämpfen, um sich in Gästebücher einzutragen, und auf dem daraufhin ausgehändigten Zettel an verschiedenen Stationen Unterschriften zu sammeln. Das Prinzip muss ich mir merken. Daraus könnte man ein spitzenmäßiges Spiel für die nächste Kinderfreizeit machen. Die letzte Station war dann nochmal Gepäck- und Taschenkontrolle, bei der glücklicher Weise meine Kamera übersehen wurde. Interessant auch: es wird vorausgesetzt, dass jeder Besucher seinen eigenen Stift mitbringt. Das sollte man aus Spaß mal einen Tag in einer deutschen Behörde einführen.
Dann brach eine Wirklichkeit auf mich hinein, mit der ich nicht gerechnet hatte. Ich hätte skeptisch bleiben sollen! Naiv, wie ich nun mal bin, hatte ich vermutet, dass das Gebäude nach einem Herrn Writer benannt war. Diese Annahme beinhaltete leider gleich zwei Fehler, wie ich nun feststellen musste. Erstens: Das Gebäude, das ich betreten hatte war nur ein Portal zu einem Gebäudekomplex. Ein in Blöcke und Sektoren eingeteilter Moloch aus kleinen stinkenden Straßen über denen sich in unregelmäßigen Abständen brückenartige Metallkonstruktionen erstrecken, um die verschiedenen Gebäude miteinander zu verbinden.
Alles, aber auch wirklich alles, was man verwalten kann ist hier zu finden. Vom Sportministerium über Stromversorgung bis zur Ausländerverwaltung. Zu letzterem scheine ich gehen zu müssen. Jedenfalls schickte man mich mit meiner Autogrammkarte in diese Richtung. Auf meinem Weg sehe ich einen Gebetsraum für Muslime und schiebe mich durch die Fressbuden und Kioske, die man auch sonst überall an den Straßenrändern in Kolkata findet. Mein Blick schweift über die geöffneten Türen der verschiedenen Abteilungen. Hauptsächlich alte Männer sitzen an Schreibtischen, schlafend, zeitunglesend oder einfach nur tratschend. In Block V angekommen betrete ich eben einen dieser Räume und frage einen zeitunglesenden Luftfilter ob ich hier richtig sei. Der Luftfilter ist offenbar ein wenig verärgert, dass ich ihn bei der Arbeit störe, brabbelt unverständliches Zeug und wedelt mit seinen Fingern in eine Richtung. Ich bedanke mich höflich für die Hilfe und gehe in die mir gewiesene Richtung. Jede Richtung ist gleichgut, vermute ich.
An dieser Stelle möchte ich nochmal ausdrücklich bestätigen, was sich der eine oder andere Leser bestimmt schon gedacht hat: Ja, sämtliche Beamtenwitze dieser Welt treffen eins zu eins auf die indischen Beamten zu!
Ich finde die Ausländerabteilung und stelle setze mich auf die Wartebank. Ein erdrückendes Geflecht aus uralten, staubbedeckten Aktenbergen und inkompetenten, arbeitsscheuen Zeittotschlägern legt sich bedrückend auf meine Brust. Meine größte Sorge: Werden die Vogonen verstehen, was ich von ihnen will, bevor die Mittagszeit hereinbricht und sie sich platzsparend in ihre staubigen Aktenschränke zurückziehen? Welche Formalitäten werden sie sich diesmal einfallen lassen, um mich abzuwimmeln?
Ich muss wohl auf Mr. Pola (oder Paula?) warten. Ich frage einen zeitunglesenden Briefbeschwerer ob er Mr. P. sei. Dieser verneint. Wer ist denn Mr. P.? Der Mann ruft in den Raum. Schlaftrunkene Gesichter blicken zu uns herüber. Nach kurzer bengalischer Konversation sagt man mir Mr. P. sei nicht hier und ich solle mich wieder auf die Wartebank setzen. Eine viertel Stunde später frage ich zur Sicherheit nochmal nach Mr. P. und bitte darum, mich zu informieren, sollte er im Büro erscheinen.
Mr. P. ist da. Ich versuche ihm mein Anliegen zu erklären. Ohne mich ausreden zu lassen (ich maße mir sogar an dies zu erbitten) schleift er mich zu einem seiner Kollegin. Kurzer Wortwechsel. Ich versuche erneut mein Anliegen zu erklären und werde wieder auf die Strafbank verwiesen.
Nachdem mich Mr. P. zum dritten mal gerufen und wieder auf die Bank verwiesen hat fragt er mich, warum ich mich noch nicht registriert hätte und eröffnet mir, ich müsse zum FRO in Barasat gehen. Dort könne ich das Bußgeld bezahlen. Ich freue mich, dass Mr. P. mitdenkt und sich aktiv an der Lösung meines Problems beteiligt. Ich erkläre ihm also – indem ich meine Geschichte zum dritten mal wiederhole, dass dies nicht möglich sei und dass das FRO in Barasat mich genau desshalb hierher geschickt hat, dass ich das Geld hier bezahle. Mr. P. scheint nun zu verstehen, warum ich ihn aufgesucht habe. Ich erkenne das daran, dass es ihm nicht einleuchten will, warum man mich hierher geschickt hat (Wem sollte es auch?). Mr. P. verschwindet kurz und gibt mir nun zwei Kopien eines Formulars, dass ich schon in Barasat bekommen hatte und sagt mir, ich solle damit zur RBI (staatliche Bank oder so) gegenüber dem Writer’s Building gehen und dort mein Bußgeld bezahlen.
Auf dem Weg nach draußen wird mir klar, dass ich mich völlig unnötiger Weise durch den größten Verwaltungsapparat Kolkatas durchgekämpft habe. Natürlich! Der Opa in Barasat hatte gesagt, ich solle zum RBI, gegenüber dem Writer’s Building, gehen. Die Tatsache, dass er nur letzteres auf die Wegbeschreibung schrieb, lies mich dies völlig vergessen.
Im RBI wird am Metalldetektor meine Kamera erst kurz konfisziert, dank eines geschickten Manövers meinerseits ist sie aber sofort wieder zurückerobert. Es ist ja manchmal so hilfreich, den dummen nichts-verstehenden Ausländer zu spielen
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Nun, da ich meine Schuld beim indischen Staat beglichen hatte, meldete sich auch prompt der nächste Gläubiger – mein Bauch – zu Wort. Nach einigem planlosem Umhergelaufe, einem verbotenen Foto des High Courts Kolkata (glaub ich zumindest) und einer Wäscheleine, die ich nicht kaufte, weil ich das Feilschen des Verkäufers unverschämt fand, kehrte ich dann bei einem chinesisch-tibetanischen Restaurant ein, wo ich für 90 Rupien (1,60 Euro) ein deliziöses Nudelgericht und eine Flasche Wasser bekam.
Insgesamt ein sehr interessanter und schöner Tag, an dem ich das abschreckendste Beispiel gelebter Bürokratie kennenlernen durfte, dass die Menschheit vielleicht jemals hervorbringen wird.
Nachtrag:
Ein Flurnachbar erzählte mir gerade, dass das sozialistisch regierte West Bengalen seit 25 Jahren keinen Regierungswechsel mehr gesehen hat. Die Bürokratie und der Moloch Writer’s Building seien unter anderem dieser Tatsache zu verdanken.
Actually, our last exam got postponed after an outbreak of conjunctivitis in the boys’ hostel.
Hehe…
And, some people do know how to use google translate. But ‘lofty’ is okay, yeah.
Happy hols!
I’m really glad, that I started my trip so early. By the way, conjunctivitis is a false friend of the german Konjunktivitis, which is related to a rhetorically bad way of speaking (expressing everything in subjunctive). Mostly commited by lawyers by the way
Happy holidays to u as well!
Wer kein Englisch spricht und trotzdem etwas verstehen will, macht das gleiche, was Amoolya getan hat und bentzt die google-uebersetzungsfunktion
[...] Nachtrag: Die Jagd nach Passierschein A28 geht weiter: Writer’s Buildings of Horror [...]